Da der Begriff AI gleichermaßen Harmonie und Liebe ausdrückt, nannte ich meine BUDO-Disziplin (Kampfkunst) "AIKIDO", obwohl das Wort AIKI früher eine ganz andere Bedeutung hatte.
AIKI ist keine Technik, um den Feind zu bekämpfen oder zu besiegen, es ist ein Weg, um die Welt zu versöhnen und die Menschen zu einer Familie zu machen.
Das Geheimnis des AIKIDO besteht darin, uns mit den Bewegungen des Universums in Übereinstimmung zu bringen. Wer das Geheimnis des AIKIDO verstanden hat, trägt das Universum in sich und kann sagen: "ich bin das Universum".
Ich werde nicht besiegt, wie schnell der Feind auch angreift. Nicht weil meine Technik schneller ist als die des Gegners. Es ist keine Frage der Schnelligkeit. Der Kampf ist beendet, ehe er begonnen hat. Wenn ein Feind versucht, mit mir, dem Universum selbst, zu kämpfen, muß er die Harmonie des Universums brechen. Deshalb ist er bereits in dem Augenblick besiegt, in dem er sich vornimmt, mit mir zu kämpfen. Ein Zeitmaß - schnell oder langsam - gibt es dabei nicht.
AIKIDO bietet keinen Widerstand. Daher ist es immer siegreich. Wer unredliche Gedanken oder Zwietracht im Sinn hat, ist von Anfang an besiegt.
Wie kannst du deine unklaren Gedanken ordnen, dein Herz reinigen und in Harmonie mit der Bewegung aller Dinge in der Natur leben? Zuerst solltest du dir das Herz Gottes zu eigen machen. Es ist eine große Liebe, die überall und zu allen Zeiten im Universum wirksam ist. In der Liebe gibt es keine Zwietracht. Die Liebe hat keinen Feind. Wer Zwietracht im Sinne hat und an die Existenz eines Feindes denkt, befindet sich nicht mehr in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes. Wer dem widerspricht, kann nicht mit dem Universum in Harmonie sein. Sein BUDO ist eine Technik der Zerstörung, es ist keine konstruktive Lehre. Daher ist jeder Wettkampf, Sieg und Niederlage, kein wahres BUDO. Wahres BUDO kennt keine Niederlage. "Nie besiegt" heißt "nie gekämpft". Siegen bedeutet die krummen Gedanken in dir selbst zu überwinden und das zu erfüllen was dir aufgetragen ist. Das ist nicht nur Theorie, es ist Teil des täglichen Übens. Dann wirst du die große Kraft des Einsseins mit der Natur annehmen.
Schaue dem Gegner nicht in die Augen, sonst wird dein Geist auf seine Augen gezogen. Schaue nicht auf sein Schwert, sonst wirst du damit erschlagen. Schaue ihn nicht an, sonst wird dein Geist abgelenkt. Das wahre BUDO ist die Entwicklung der Anziehungskraft, mit der du den Gegner in deinen Bann ziehst. Alles, was ich tun muß, ist so dazustehen. Selbst wenn ich ihm den Rücken zukehre, ist das schon genug. Wenn er mit einem Schlag angreift, wird er sich in seiner eigenen Angriffsabsicht verletzten. Ich bin eins mit dem Universum und sonst nichts. Wenn ich stehe, wird er auf mich gezogen. Es gibt keine Zeit und keinen Raum vor Ueshiba vom AIKIDO, nur das Universum wie es ist.
Zum AIKIDO braucht man den Wunsch, dem Frieden aller Menschen auf der Welt dienen zu wollen, nicht die Absicht, stark zu sein oder nur deshalb zu üben, um einen Gegner zu besiegen. Wenn mich jemand fragt, ob meine Lehren des AIKI BUDO aus der Religion stammen, sage ich nein. Die Lehren meines wahren BUDO können aber die Religionen erleuchten und zur Vollendung führen. Ich bin ruhig, wie und wo ich auch angegriffen werde. Ich hänge nicht am Leben oder Tod. Ich überlasse Gott alles, wie es ist. Hüte dich davor, dem Leben oder dem Tod verhaftet zu sein, und öffne deinen Geist, damit er alles ihm überläßt. Nicht nur wenn Du angegriffen wirst, sondern auch im täglichen Leben. Wahres BUDO ist ein Werk der Liebe. Es dient dazu, allen Wesen das Leben zu geben, nicht zu töten oder miteinander zu kämpfen. Liebe ist die Schutzgottheit von allem, nichts kann ohne sie bestehen. AIKIDO ist die Verwirklichung von Liebe.
Für Ueshiba-AIKIDO gibt es keinen Feind. Es ist ein Irrtum zu denken, daß BUDO bedeutet, Gegner und Feinde zu haben und sie zu besiegen. Für das wahre BUDO gibt es weder Gegner noch Feinde.
Wahres BUDO besteht darin, mit dem Universum eins zu sein. Das heißt, sich mit dem Zentrum des Universums zu vereinigen. Ich suche nicht die Geselligkeit der Menschen. Mit wem habe ich dann Gemeinschaft? Mit Gott. Diese Welt funktioniert nicht, weil die Menschen sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und dummes Zeug Reden oder tun. Auf der Welt bilden Gute und Böse alle eine Familie. AIKIDO meidet jede Parteilichkeit; AIKIDO nennt Familienangelegenheiten weder gut noch schlecht. AIKIDO fördert das ständige Wachstum und die Weiterentwicklung aller Lebewesen und dient damit der Vollendung des Universums.
Im AIKIDO kontrollieren wir den Geist des Gegners, ehe wir ihm gegenübertreten. Dadurch ziehen wir ihn zu uns. Mit dieser Anziehungskraft des Geistes schreiten wir im Leben vorwärts, und versuchen, ein ganzes Weltbild zu bestimmen. Wir beten unaufhörlich, daß es keinen Kampf geben sollte. Wettkämpfe im AIKIDO verbieten wir deshalb streng. Der Geist des AIKIDO lehrt den liebevollen Angriff und die friedliche Versöhnung. Mit diesem Ziel verbinden und einigen wir die Gegner mit der Willenskraft der Liebe. Durch die Liebe können wir andere läutern.
AIKIDO ist in erster Linie BUDO, eine Kampftechnik. Darüber hinaus ist es ein Weg, dem Aufbau einer Welt-Familie zu dienen. AIKIDO gehört nicht einem bestimmten Land oder einem bestimmten Menschen, sein einziger Zweck ist es, die Arbeit Gottes zu tun.
Wahres BUDO ist der liebevolle Schutz aller Lebewesen durch einen Geist der Versöhnung. Versöhnung bedeutet, jedem die Erfüllung seiner Berufung zu ermöglichen. Der WEG bedeutet, mit dem Willen Gottes im Einklang zu stehen und ihn zu erfüllen. Wenn wir auch nur ein wenig davon abweichen, ist es nicht mehr DER Weg.
AIKIDO ist ein Weg, um die Teufel durch die Aufrichtigkeit unseres Atems wegzufegen, nicht mit dem Schwert. Das heißt, die teuflische Welt in eine Welt des Geistes zu verwandeln. Das ist die Sendung des AIKIDO. Der Geist des Teufels wird besiegt untergehen, und der Geist wird sich siegreich erheben. Dann wird AIKIDO in der Welt Früchte tragen.
Ohne BUDO geht ein Volk unter, denn BUDO ist ein Leben des liebevollen Schutzes und der Ursprung aller wissenschaftlicher Tätigkeit. Wer AIKIDO studieren will, soll sein Herz öffnen, der Stimme Gottes im AIKI lauschen und ihr folgen. Er sollte die große Reinigung durch AIKI verstehen, vollziehen und unermüdlich verbessern. Er sollte bereitwillig beginnen, seinen Geist zu kultivieren. Ich wünsche mir, daß vernünftige Menschen dem Ruf des AIKIDO folgen. Es ist nicht dazu da, andere zu korrigieren, sondern deinen eigenen Geist. Das ist AIKIDO. Das ist der Auftrag des AIKIDO und sollte auch dein Auftrag sein.
Quelle: AIKIDO von Kisshomaru Ueshiba (unter der Anleitung von Meister Morihei Ueshiba), Tokyo 1974, Hozansha Publishing Co., Ltd., Seite 177-181
Übersetzt aus dem Japanischen ins Englische von Kazuaki Tanahashi und Roy Maurer Jr., aus dem Englischen ins Deutsche von Walter Rohm.